Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew): Ankylosierende Spondylitis, Physiotherapie und Lebenserwartung

20.01.2026
Dr. rer. nat. Marcus Mau
Autor des Fachartikels

Die Spondylitis ankylosans, besser bekannt als Morbus Bechterew, ist eine chronisch-entzündliche, rheumatische Erkrankung, die primär die Wirbelsäule und die Kreuz-Darmbein-Gelenke (Iliosakralgelenke) betrifft. Benannt nach dem Neurologen Wladimir Bechterew, führt diese Form der Arthritis zu einer schleichenden Verknöcherung und Versteifung der Wirbelsäule. Medizinisch wird sie heute oft unter dem Oberbegriff axiale Spondyloarthritis geführt. Typisches Symptom sind tiefsitzende Rückenschmerzen, die oft nachts auftreten. Ohne Behandlung kann die Beweglichkeit massiv eingeschränkt werden, bis hin zur völligen Ankylose (Gelenksteife). Doch dank moderner Therapien, von Physiotherapie bis zu Biologika, ist die Lebenserwartung heute meist normal und die Lebensqualität kann lange erhalten werden.

ICD-Codes für diese Krankheit: M45

Kurzübersicht:

Die Spondylitis ankylosans, auch ankylosierende Spondylitis oder im englischen Sprachraum Ankylosing Spondylitis genannt, ist eine chronisch verlaufende Erkrankung aus dem Formenkreis der Spondyloarthritiden. Hauptmerkmal ist eine Entzündung der Wirbelsäule und der Iliosakralgelenke (Sakroiliitis), die schubweise verläuft. Genetische Faktoren wie das Merkmal HLA-B27 spielen eine zentrale Rolle und erhärten oft den Verdacht auf Morbus Bechterew. Im Krankheitsverlauf bilden sich knöcherne Spangen, sogenannte Syndesmophyten, zwischen den Wirbelkörpern, was zur Versteifung führen kann. Neben dem Skelett können auch Organe betroffen sein, etwa durch eine Uveitis (Entzündung der Regenbogenhaut des Auges) oder begleitende Darmerkrankungen wie Morbus Crohn. Die Diagnose erfolgt klinisch und durch bildgebende Verfahren wie MRT oder Röntgen, wobei das Röntgenbild oft erst spät Veränderungen zeigt. Ziel der Therapie ist es, Schmerzen zu lindern und die Wirbelsäulenbeweglichkeit durch Bewegung (z.B. Nordic Walking) und Medikamente zu erhalten.

Artikelübersicht

Die Spodylitis ankylosans, wie der Morbus Bechterew auch genannt wird, gehört in die Gruppe der Spondyloarthritiden, also der entzündlichen Erkrankungen des Skelettsystems. Die Krankheit tritt häufiger bei jungen Männern zwischen 20 und 40 Jahren auf. Überwiegend sind die Wirbelsäule und der Übergang zum Becken, das sogenannte Ileosakralgelenk, betroffen. In einigen Fällen finden sich Symptome auch im Bereich des Kniegelenks und der Sehnenansätze.

Die Knochen und Gelenke werden im Verlauf der Krankheit durch die Entzündungen zerstört und abgebaut, während an anderer Stelle neue Knochenzapfen gebildet werden. Diese haben anatomisch gesehen keine Funktion und schränken die Beweglichkeit des Skeletts der Betroffenen sehr stark ein.

In Westeuropa entwickeln Schätzungen zufolge etwa 0,5 Prozent der Menschen einen Morbus Bechterew.

Symptome bei Morbus Bechterew

Die Ankylosierende Spondylitis ist eine chronische Erkrankung und verläuft schubweise. Mit jedem Krankheitsschub können die Rückenschmerzen und Bewegungseinschränkungen weiter zunehmen. Im Bereich der Gelenke und Bänder kommt es zu Verwachsungen und Versteifungen, doch ebenso können das Herz, die Augen und andere Organe von Veränderungen betroffen sein.

Folgende Symptome weisen auf einen Morbus Bechterew hin:

  • Hauptsymptom sind die tiefsitzenden Rückenschmerzen, Morgensteifigkeit und nächtlicher Schmerz
  • Desweiteren treten häufig auf: Hüft-, Knie- und Schulterschmerzen
  • Schmerzen in der Ferse
  • Tennisellenbogen und Sehnenerkrankungen
  • Müdigkeit
  • Gewichtsverlust
  • Schmerzen beim Niesen und Husten

Nach Jahren und mehreren Schüben verändert der Morbus Bechterew die Körperhaltung zusehends. Das Becken flacht ab, die Brustwirbelsäule wird immer weiter gekrümmt, sodass ein Buckel resultiert. Die Gelenke des Körpers sind dann meist zusätzlich durch starke Schmerzen in ihrer Bewegung eingeschränkt.

Rückenschmerzen

Als wichtige Komplikationen können Veränderungen an Augen, Herz oder Nieren auftreten, welche einer intensiven Abklärung durch Experten bedürfen. Sonst drohen dauerhafte Schäden der betroffenen Organsysteme.

Ursachen noch unklar

Die genauen Hintergründe warum und bei wem sich eine Spondylitis ankylosans entwickelt, sind nach wie vor ungeklärt. Möglicherweise spielt die Genetik eine wichtige Rolle, aber auch Autoimmunreaktionen stehen im Verdacht. Sehr markant ist aber auch das Auftreten von HLA-B27 im Blut von Betroffenen. Dabei handelt es sich um ein Oberflächen-Eiweiß, welches dem Immunsystem hilft, Krankheitserreger und Bedrohungen zu erkennen. In einigen Fällen jedoch löst HLA-B27 starke Immunreaktionen aus, die im Verdacht stehen, Knochen und Gelenke entzündlich anzugreifen. Daraus entwickelt sich schließlich die chronische Entzündung der Wirbelsäule und des Beckens, die ankylosierende Spondylitis. Welcher Erreger letztlich diese Überreaktion auslöst ist indes unbekannt.

Diagnose: Morbus Bechterew

Um die Erkrankung erkennen zu können, ist die Mitarbeit des Patienten im Anamnese-Gespräch sehr wichtig. Charakteristische Rückenbeschwerden eröffnen zumeist das Gespräch mit dem Arzt. Darüber hinaus deuten weitere Anzeichen auf den Morbus Bechterew:

  • Mehr als drei Monate anhaltender Kreuzschmerz
  • Beschwerden vor dem 45. Lebensjahr
  • Morgensteifigkeit von länger als einer halben Stunde
  • Verbesserung der Rückenschmerzen bei Bewegung, nicht aber in Ruhe
  • häufiges nächtliches Aufwachen in der zweiten Nachhälfte durch starke Kreuzschmerzen
  • wechselnde Gesäßschmerzen.

Um die Verdachtsdiagnose abzusichern, bedient sich der Arzt verschiedener Methoden. Zum einen gibt es den Mennell-Test, bei dem das Bein in Bauchlage nach hinten angehoben wird. Dadurch kommt es beim Bechterew-Patienten zu einem Schmerzempfinden im Kreuzbeinbereich. Das Schober-Ott-Zeichen hingegen hilft, die Beweglichkeit der Wirbelsäule einzuschätzen. Ein Spodylitis-Patient wird, beim Beugen des Körpers nach vorn, den Boden mit den Fingerspitzen nicht mehr erreichen können.

Hilfreich sind zudem die Bestimmung von Entzündungsparametern (z. B. CRP oder Blutsenkungsgeschwindigkeit), MRT-Aufnahmen des Rückens oder die Bestimmung von Rheumafaktoren, wie HLA-B27.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Therapie beim Morbus Bechterew stützt sich auf drei wesentliche Säulen:

  1. Mittel gegen Schmerzen und Entzündungen,
  2. Mittel zur Dämpfung des Immunsystems und schließlich
  3. Die Bewegung und Ernährung.

Als Schmerzmittel der Wahl gelten vor allem die nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR). Da diese jedoch bei Langzeiteinnahme den Magen schädigen können, werden sie oft in Kombination mit magenschonenden Medikamenten gegeben. Während akuter Schübe ist ebenfalls Kortison als Spritze anwendbar.

Unterstützend zur medikamentösen Behandlung haben sich Physiotherapie und leichte Gymnastik bewährt. Beim Essen sollte auf Fett und zu viel Fleisch verzichtet werden, denn die darin enthaltenen Arachidonsäuren (= spezielle Fettsäuren) wirken entzündungsfördernd.

Die Dämpfung des Immunsystems (= Immunsuppression) erfolgt nur dann, wenn alle anderen Therapien ergebnislos ausgeschöpft wurden. Denn ein gedämpftes Immunsystem bedeutet stets ein höheres Risiko, Infektionen zu bekommen oder an Krebs zu erkranken.

Prognose bei Morbus Bechterew

Die ankylosierende Spondylitis ist eine schubweise verlaufende, chronische Erkrankung, welche sich über Jahre hinweg entwickelt. Die Krankheit ist mit heutigen Mitteln nicht heilbar. Doch können ihr Verlauf und die Prognose günstig beeinflusst werden. Ein aktiver Lebensstil wird ebenso empfohlen wie eine gesunde Ernährungsweise mit ausreichend Obst und Gemüse. Neben der ärztlich begleiteten Schmerzbehandlung sollten Patienten spezielle Trainingsprogramme absolvieren, die ihnen von Krankengymnasten und Physiotherapeuten gleichermaßen zusammengestellt werden.

Ganz besonders wichtig ist es jedoch, die Kontrolluntersuchungen zur Einschätzung der Veränderungen am Skelett wahrzunehmen. Treten darüber hinaus Komplikationen an Herz- und Kreislaufsystem sowie an den Augen oder Nieren auf, sind die Sehfähigkeit, die Nierenfunktion (mittels glomerulärer Filtrationsrate = eGFR) und die Herzfunktion (z. B. mittels EKG) regelmäßig beim jeweiligen Facharzt (Augenarzt, Nephrologe, Kardiologe) untersuchen zu lassen. Dann kann die Prognose selbst bei fortschreitender Spondylitis positiv und die Erkrankung in ihrem Verlauf verlangsamt sein.

FAQ: Die 8 wichtigsten Fragen zu Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew)

Was sind die ersten Symptome bei Morbus Bechterew?

Die ersten Symptome sind oft unspezifisch und beginnen schleichend vor dem 45. Lebensjahr. Typisch ist ein tiefsitzender Rückenschmerz im Bereich der Lendenwirbelsäule und des Gesäßes, der in Ruhe zunimmt und sich bei Bewegung bessert. Charakteristisch ist eine morgendliche Steifheit der Gelenke und des Rückens, die länger als 30 Minuten anhält. Auch Schmerzen an den Sehnenansätzen, etwa an der Achillessehne oder am Fersenbein, können früh auftreten.

Wie wird die Diagnose Spondylitis ankylosans gestellt?

Für eine frühzeitige Diagnose ist die Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung und Bildgebung entscheidend. Da im frühen Stadium das Röntgenbild oft noch unauffällig ist, ist die Magnetresonanztomographie (MRT) der Goldstandard, um eine frühe Sakroiliitis (Entzündung der Kreuz-Darmbein-Gelenke) sichtbar zu machen. Laborwerte wie der Nachweis von HLA-B27 und Entzündungsmarker stützen die Diagnosestellung. Klassifikationskriterien, wie sie etwa im MSD Manual beschrieben sind, helfen, die axiale Spondyloarthritis inklusive Morbus Bechterew sicher einzuordnen.

Welche Rolle spielt HLA-B27?

Das Erbmerkmal HLA-B27 ist bei etwa 90 bis 95 Prozent der Patienten mit Spondylitis ankylosans nachweisbar. Es ist jedoch kein Beweis für die Erkrankung, da auch viele gesunde Menschen dieses Merkmal tragen. Es gilt aber als starker Risikofaktor und Indikator. Bei Patienten mit ankylosierender Spondylitis, die HLA-B27-negativ sind, verläuft die Krankheit manchmal milder oder untypischer.

Wie verläuft die Erkrankung und was sind Syndesmophyten?

Der Verlauf ist individuell sehr unterschiedlich und meist schubweise. Die chronische Entzündung an den Kanten der Wirbelkörper führt dazu, dass der Körper versucht, den Schaden durch Knochenneubildung zu reparieren. Dabei entstehen knöcherne Auswüchse, sogenannte Syndesmophyten, die die Wirbel miteinander verbinden. Dies führt langfristig zur Verknöcherung und dass die Wirbelsäule versteift (Bambusstab-Wirbelsäule), was oft eine verstärkte Krümmung (Kyphose) der Brustwirbelsäule zur Folge hat.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Behandlung basiert auf Säulen: Bewegung, Medikamente und Schulung. Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) sind oft Mittel der Wahl, um Schmerzen und Steifigkeit zu lindern und die Entzündung zu hemmen. Reichen diese nicht aus oder ist die Krankheitsaktivität hoch, kommen Biologika (z.B. TNF-Blocker) zum Einsatz, die gezielt in das Immunsystem eingreifen. Bei Befall der peripheren großen Gelenke (z.B. Hüftgelenk, Knie) kann auch Sulfasalazin helfen.

Warum ist Physiotherapie so wichtig?

Regelmäßige Physiotherapie und eigenständiges Training sind essenziell, um die Körperhaltung zu korrigieren und der Versteifung der Wirbelsäule entgegenzuwirken. Gezielte Übungen stärken die Rückenmuskulatur und erhalten die Beweglichkeit. Sportarten wie Nordic Walking oder Schwimmen werden für Menschen mit Morbus Bechterew besonders empfohlen. Organisationen wie die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew bieten hierzu spezielle Gruppentherapien an.

Welche Begleiterkrankungen können auftreten?

Neben dem Skelett ist der Morbus Bechterew eine Systemerkrankung. Häufig tritt eine Uveitis (Regenbogenhautentzündung) auf, die sofort augenärztlich behandelt werden muss. Auch chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa sowie Psoriasis (Schuppenflechte) sind assoziiert. Zudem haben Patienten ein erhöhtes Risiko für Osteoporose, da die Entzündung den Knochen schwächt, selbst wenn er äußerlich knöchern anbaut.

Wie ist die Lebenserwartung bei Morbus Bechterew?

Die Lebenserwartung bei Spondylitis ankylosans ist heutzutage dank moderner Therapien und frühzeitiger Diagnose in der Regel nicht oder nur geringfügig eingeschränkt. Entscheidend ist die Kontrolle der Krankheitsaktivität und die Vermeidung von Komplikationen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder schweren Wirbelbrüchen aufgrund der Osteoporose und Steifheit.